Die Hintergrundgeschichte

Teil I:  Die Geschichte bis hier her...
Teil Ia: Das Tagebuch von Anselm


Teil II: Die Auszahlung (Zurück in Wulfheim)


Kapitel 13

Die Geschichte bis hier her...

In seinem letzten Abenteuer hat unser Held Karadoc in einem Kampf um Leben und Tod, nach einem gewaltigen Streit mit dem Riesen Bedwig, viele schmerzhafte Wunden erlitten. Trotzdem er bereits die schreckliche Drachenbrut bekämpft hatte, den gefürchteten Karbunkel in Hunderte Stücke geschnitten hatte und eine Horde "Eldritch Dämonen" überwunden hatte, waren sein Mut und sein Bewusstsein noch immer groß. Der Siegespreis für all diese Missionen war gut, so dass er die darauffolgenden zwei Monate mit Reisen und Ausruhen verbrachte.
Es kam vor, dass ihn sein Weg in unbekannte Gegenden führte, an Plätze, die auf vergessene Reichtümer und versiegte Kräfte hinwiesen; hier ist es auch, wo wir ihn antreffen. Seine Suche führte ihn unvermeidlich an einen Ort, an dem er den Rest seines hartverdienten Geldes ausgeben konnte. Er setzte daher auf ein heruntergekommenes Gasthaus am Rande eines gewaltigen, vernebelten Sumpfes. Dort traf er sich mit einer Gruppe von Zwergen, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Das Gebot der Nüchternheit verletzend, verlor er recht bald seine Koordinationsfähigkeiten und begann zu schwanken. War es des Schicksals Hand, die ihn zu dem ernsthaft am Ecktisch debattierenden Quartett führte, oder war es einfach nur eines von solchen Zufallsmomenten, die unsere Zukunft nachhaltig bestimmen.

Karadoc hat nie wieder die Gesellschaft von Menschen gesucht, nachdem eine Gruppe von ihnen, ihn vor einigen Jahren, nach einem Überfall aus einem Hinterhalt, der Gewalt eines Orcs überlassen hatte. Er hat somit immer instinktiv das Weite gesucht. Sein Schicksal verfluchend bemerkte er, dass es ihn in den letzten Stunden nicht mehr verfolgt hat. So zwang er sich, wieder seinen Verstand zu benutzen. Er setzte sein Sonntagslächeln auf, richtete seine Kleider zurecht und setzte zu einer langen Rede an, wer er genau sei, was er bisher erreicht hatte und wie viel er für seine Dienste verlangte. Als er geendet hatte, bemerkte er ein Lächeln auf den Gesichtern seiner Zuhörer, als ob sie gerade die Lösung für ein schon lange drückendes Problem erfahren hätten ...

"Genau hier" sagte der Mann. "Quer durch den Sumpf."

Obwohl ich dachte, dass es gerade noch später Morgen war und das Licht recht gut war, begann ich zu schielen (meine Sicht ist noch nie großartig gewesen, seit dem ich, als wir noch jünger waren, mit meinem Bruder Hengest, einen Wettstreit im Schielen hatte. Meine Mutter hat immer gesagt, dass unsere Augen dann so bleiben würden.). Ich schüttelte den Kopf.

"Nichts." wiederholte ich.

Er schaute mich ärgerlich an. Seine Mundwinkel begannen sich. wie Lederriemen zu spannen und seine Zähne knirschten wie bei einem alten Schaf, dass Gras kaut. 

"Quer durch den Sumpf." wiederholte er, als ob ich taub wäre.

"Die Ruine - Wulf und Carolus?"

Ich starrte ihn ahnungslos an.

"Kannst Du Dich wenigstens an Dianos erinnern?"

Das war eine von den Situationen, in denen ein weiterer leerer Blick mir Friedhofsluft um die Nase geblasen hätte. Ich versuchte schnell einzuschätzen. ob er bewaffnet sei - er war es nicht - und täuschte eine strategische Defensivhaltung vor. Er sprang auf.

"Gut, lass uns zum Geschäft übergehen." sagte ich und versuchte vergeblich, mit einem
siegreichen Lächeln in seinen schwabbeligen Kopf einzudringen.

"Was hast Du noch mal gesagt? Ich müsste ein Boot nehmen, ... dann grob nach
Norden, ... richtig? Dort gibt es dann eine alte Schlossruine und ich kann dort Geld machen."


"Was auch immer Du dort finden magst, Du kannst es behalten." gab er zurück und schaute mich immer erboster an. Ich erwartete nun, dass er jeden Moment aufbrausen könnte, aber nichts passierte. Statt dessen bestand er darauf:

"Stell' Dir das ja nicht so einfach vor." 
"Du solltest wissen, womit Du es zu tun hast."


Ich zuckte mit den Schultern. Warum Fragen stellen, wenn einer für den Job gut bezahlt.

"Lass uns nun endlich zur Sache kommen." bot ich an.

Wenn ich meine kleine Axt beigehabt hätte, hätte ich ihm zwei Zehen zum Stehen übriggelassen und hätte dann noch einen getrunken. Aber ich war an diesem Tag in guter Laune.

"Spinn mir Dein Garn, Bohnenstange."

Jetzt glühte er. Wenn Blicke töten könnten, ich hatte den Weg nach Hause in einem Sarg antreten können.

"Es ist eine lange Geschichte, aber für Dich mache ich sie extra kurz."

Er betonte das Wort "kurz" und blickte dabei an mir auf und ab. Einige Leute merken es nie, wie nah sie einer Faust im Gesicht sind. Ich überspielte meinen Ärger mit einem übertriebenen Gähnen, um ihn bei "Laune" zu halten. Sollte er noch einmal nachbohren, konnte ich ihm immer noch die Beine abschneiden. Er räusperte sich, und nahm eine rhetorische Haltung an und begann:

"Vor vielen, vielen Jahren ... Zu einer Zeit, als mit der Welt noch alles in Ordnung war."

Ich blickte ihn scharf an. Noch ein Versuch wehmütiger Stimmungsmache und mein Mageninhalt würde nach seinen Schuhen lechzen.

"Das ist die Geschichte von Wulf und Carolus: ..." Da jedoch keine Fanfaren kamen, fiel es mir nicht sonderlich schwer, unbeeindruckt dreinzuschauen, so dass er einfach fortsetzte...

"Nach dem Tod seines Vaters erhielt Wulf III. die Krone des Landes. In der Nacht seiner Krönung verbannte er seinen jüngeren Halbbruder und ließ ihn außer Landes schaffen, um die Reinheit der königliche Erbfolge zu sichern. So regierte er dann auch über viele Jahre. Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende...
... Carolus inzwischen, wuchs zum Mann heran und begann, den Thron für sich zu beanspruchen. In mittlerem Alter kehrte er verkleidet, mit dem Plan im Hinterkopf, den König zu stürzen, nach Schloss Wulf zurück. Er versicherte sich der Hilfe von Dianos, einer verabscheuungswürdigen und rachsüchtigen Kreatur, die bis dahin Wulfs Chefberater war und zwang den Hauptmann der Garde durch Bestechung und Drohungen auf seine Seite."


Ich hasse es, zuzugeben, dass diese Geschichte begann, mich zu interessieren. Betrug, Rache, Bitterkeit - ein paar Goldmünzen und eine Menge Blut, das wären die Zutaten für eine richtige Gute-Nacht-Geschichte gewesen. Das einzige was mich jetzt noch störte war der Erzähler selbst. Der jedoch, setzte achtlos seine Geschichte fort:

"Carolus verbündete sich weiterhin mit dem Marschall des Landes, der die alleinige Befehlsgewalt und Verantwortung für die militärische Organisation und Sicherheit des Schlosses hatte. Damit war er in der Lage, seinen Umsturz, der ihn an die Macht bringen sollte, mit grausamer Wirksamkeit bis ins kleinste Detail zu planen. Irgendwie bekam Wulf Wind von der ganzen Sache, denn als die Umstürzler seinen Hof stürmen wollten, wurden sie von Wulfs treugebliebener Leibgarde empfangen und es entwickelte sich ein gewaltiger Kampf. Während des dreitägigen Kampfes schienen sich Blut und Zorn wie eine Seuche im ganzen Schloss auszubreiten. Wulf floh mit seinen letzten verbliebenen Gefolgsleuten in die oberen Etagen des Schlosses, er hinterließ unzählige Fallen hinter sich und ließ seine persönliche Menagerie der unfasslichsten Monster frei, um die Pläne der Rebellen zu durchkreuzen. Alles war umsonst. Der Geistesbeschwörer Dianos war dem König zuvorgekommen und lauerte auf ihn im oberen Geschoss des Schlosses.

Mit seinen unvorstellbaren tödlichen Kräften zerstörte er, was von Wulfs Leibgarde übriggeblieben war und rächte sich zum Schluss an ihm für seine ungerechte Behandlung, indem er ihn schutzlos Carolus Schlägen auslieferte."

Das klang alles sehr danach, als ob Carolus zu der Sorte von Menschen gehörte, denen man besser nicht den Rücken zukehrte, wenn sie ein Messer in der Hand haben - aber ich konnte mir nicht helfen, irgendwie mochte ich ihn. Da aber selbst die guten Dinge auch einmal zu ende gehen, ging die Geschichte weiter:

"Die Rache jedoch, war alles andere als süß. Nach Wulfs Tod setzte sich Carolus auf den Thron, auf dem er ein Jahr und einen Tag regierte. Während dieser Zeit sah das Schloss jedoch keinen einzigen friedlichen Tag. Es war eine Zeit voller Streit und Konflikte. Machtsüchtige Hauptleute rangen nach Macht, Banden von Kriegern bekämpften sich und brachen Bündnisse auf ihrer Suche nach Macht und Dominanz. Am Abend des Jahrestages von Carolus Sieg wurde ein großes Festmahl abgehalten, jedoch wurde die Feier von einem bösen Fluch befallen. Ohne jede Vorwarnung wurden alle Hauptleute vom Wahn befallen und es flossen erneut Unmassen von Blut. Wie eine Flamme, die alles verzehrt, was sie zu fassen bekommt, scherte sich niemand in seinem übermächtigen Drang nach Zerstörung mehr darum, was er zerstörte, oder wen er tötete. Der arme Carolus kämpfte um sein Lehen, geriet jedoch in eine Falle und starb unter dem Schwert eines seiner Hauptleute.

Bei Tagesanbruch war der Spuk vorbei und es herrschte Stille, aber es war ein teuflischer Frieden. Nur wenige der früheren Bewohner von Schloss Wulf, unter ihnen ich, überlebten diese Nacht. Den Terror der Ereignisse im Hinterkopf, flohen meine Begleiter und ich vom Ort des Geschehens. Soweit wir wissen, ist nur Dianos im Schloss zurückgeblieben."

Für einen kurzen Moment dachte ich, das die Geschichte nun endlich zu Ende sei und tastete schon nach meinem Rucksack, aber weit gefehlt. Unglücklicherweise hatte der Erzähler nur aus Effekthascherei die Geschichte kurz unterbrochen, ich las es an seinen Augen ab. Er räusperte sich ein weiteres Mal und begann von Neuem:

"In den letzten zwei Jahren hat Dianos allein in dem dunklen Schloss inmitten dieses Sumpfes gelebt. Die Zeit und das Vergessen haben viele Gerüchte aufkommen lassen. Manche sagen, dass das Schoß immer noch voller Monster ist, andere sagen, dass es bis zum Zerbersten mit Lord Carolus Schätzen gefüllt ist. Alle stimmen jedoch darin überein, dass Dianos, eine vom Bösen besessene, verrückte Kreatur, nunmehr Sklave seiner eigenen geistesbeschwörenden Künste ist. Wir haben berechtigten Grund zu der Annahme, dass sich Dianos, zur Befriedigung seiner dunklen Machenschaften, schon mehrfach Bewohner der umliegenden Dörfer zunutzegemacht hat."

Er hielt erneut inne und verbesserte sich selbst:

"Ohne weitere Nachforschungen können wir natürlich weder mit Sicherheit über derartig vorgefallene Dinge berichten, noch wissen wir mit Bestimmtheit, dass Dianos für die schrecklichen Ereignisse in der Nacht, in der Carolus starb, verantwortlich ist. Was wir jedoch mit Sicherheit wissen ist, dass Dianos ein mächtiger Magier und ein fürchterlicher Gegner ist. Du darfst daher dieses Unternehmen keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen." 

Ich zuckte erneut mit den Achseln - Riesen, Geistesbeschwörer wo ist da der Unterschied? Da bis zu diesem Zeitpunkt nicht ein einziges Mal die Rede vom Geld war, kam ich gerade mit der Frage heraus:

"Wie steht es eigentlich mit der Bezahlung?"

"Wie schon gesagt, das Schloss ist voll von Carolus' Schätzen. Das ist kein Gerücht. Carolus selbst, hat versklavte Zwerge dazu benutzt, ein Smaragdvorkommen, direkt unter dem Schloss, abzubauen. Dort befindet sich auch mehr Gold, als Du jemals in Deinem Leben wiedersehen wirst, lüfte das Geheimnis, befreie das Schloss von seinem Fluch und wenn Du willst, räche uns. Den Schatz, wie schon gesagt, kannst Du behalten."

So, Carolus war also ein Zwergenknechter? Warum ist mir das nicht gleich aufgefallen. Ein anderes Mal hätte ich mich von dem Mann mit einem Fußtritt ins Gesicht verabschiedet, er hat aber Gold und Smaragde erwähnt, und dass sie mir gehören könnten. Wo war dann der Haken an der ganzen Sache? In der Zwischenzeit, während ich über all diese Dinge nachgedacht habe, hatte der Mann aus seiner Ledertasche ein altes abgeschabtes Buch hervorgeholt, dass mit altem, braunem Blut befleckt war. Er bot es mir an:

"Hier, nimm dies." sagte er lächelnd in einer Art, die mich nicht gerade erfreute.
"Studiere es gründlich, es könnte Dir den Unterschied zwischen einem reichen Leben und einem frühen Tod darlegen."

Ich nahm das Buch an mich und mein menschlicher Begleiter bot seinen Abschied an. Als er gegangen war, schlug ich das Buch auf der ersten Seite auf. Dort las ich: "Das ist das Tagebuch von Anselm". Ich las nicht weiter, denn es wurde langsam spät, denn ich hatte noch ein Ruderboot zu stehlen.